Für bemerkenswerte Einblicke in die Vergangenheit des CVJM Oberbarmen sorgten am Freitag, 27. September, fünf Interviewpartner auf dem Podium beim 70er-Jahre-Abend: Siegbert und Inge Spieß, Birgit Wagner, Christoph Pfeiffer und Thomas Scherberg erzählten von ihren Erlebnissen und ihrem Engagement damals, als mit Regine Richling erstmals eine Frau in den Vorstand des CVJM Oberbarmen gewählt wurde.

Die 70er-Jahre-Experten wurden befragt von Vivienne Pätzold (2. v. li.)

1972 hatte sich der Christliche Verein Junger Männer gerade in den Christlichen Verein Junger Menschen verwandelt. Die Frauen waren zwar schon immer in die Vereinsarbeit eingebunden gewesen, jedoch zunächst im Hintergrund, indem sie kochten und backten und die Basare mit allerlei Schönem ausstatteten, das sie in Handarbeit hergestellt hatten.

Wilde Partys im Jugendtreff

Christoph Pfeiffer

Auch die sogenannte „Große Offene Tür“ im CVJM-Haus zwischen Sonntag- und Normannenstraße sorgte für Veränderungen in der Vereinsarbeit. Der Jugendtreff war nun täglich geöffnet, und die Partys, die Besucher hin und wieder feierten, gefielen einigen Eltern nicht. Sie wollten ihre Kinder in den christlichen Gruppen des CVJM gemäß ihrer Werte und Vorstellungen betreut wissen. Und manch eine Zuwanderergruppe versuchte, die OT als ihr Revier gegenüber anderen Nationalitäten zu verteidigen, was die haupt- und ehrenamtlichen Mitarbeiter nur mit großen Mühen und manchmal auch nur mit Hilfe der Polizei verhindern konnten.

Thomas Scherberg

Viele Kinder erlebten den CVJM annähernd als ein zweites Zuhause in der Jungschar am Nachmittag nach der Schule und auf Ferienfreizeiten. Die Gruppenleiter waren für die Kinder da, machten sie mit biblischen Geschichten vertraut, übertrugen ihnen Aufgaben und motivierten sie später, selbst an Gruppenleiterschulungen teilzunehmen. Das Vertrauensverhältnis zu den Hauptamtlichen – in den 70er Jahren waren dies Günter Schwarz und Friedhelm Ringelband – war wertvoll für ihre Entwicklung und Identitätsfindung, so sehen es die Älter-Gewordenen im Rückblick. Sie hatten Spaß, wurden wertgeschätzt, und es entwickelten sich enge und beständige Freundschaften. Viele haben sich später für Berufe im sozialen und kirchlichen Bereich entschieden.

Siegbert Spieß

Als faszinierend erlebt es der nach wie vor aktive Mitarbeiter Siegbert Spieß, dass der Verein im Laufe seines 170jährigen Bestehens stets etwas Neues angefangen hat. Heute zum Beispiel betreibt der CVJM Oberbarmen eine Kindertagesstätte und betreut 125 Kinder im Rahmen der Offenen Ganztagsgrundschule in Kooperation mit der Katholischen Grundschule Wichlinghauser Straße.

Ort der Frömmigkeit

Inge Spieß (li.), Birgit Wagner

An kontroverse Auseinandersetzungen zwischen älteren und jüngeren Vereinsmitgliedern in den 1970er Jahren erinnern sich die Interviewpartner vor allem im Zusammenhang mit politischen Diskussionen. Wer sich politisch engagierte und wem sogar gewaltbereiter Widerstand sympathisch war, hatte im CVJM kein Forum. Der Verein behauptete sich als ein Ort der Frömmigkeit, an dem Gespräche über den christlichen Glauben und biblische Texte im Fokus standen. Hier war der Zeitgeist aber nicht ausgeklammert, denn die Diskussionen gestalteten sich offen und progressiv und keineswegs abgeschottet von gesellschaftlichen Veränderungen.

Vorbereitet und gestaltet wurde der 70er-Jahre-Abend im CVJM Oberbarmen von Gabi Schelp, Dorothee Giancani und Vivienne Pätzold. Sie hatten im Vorfeld viel gelesen, viele Gespräche geführt und – mit Unterstützung durch zahlreiche Ehrenamtliche – ein tolles Buffet unter anderem mit Mett-Igel und gefüllten Blätterteigförmchen zusammengestellt, das wie die Podiumsdiskussion das besagte Jahrzehnt aufleuchten ließ.

Nach dem 60er-Jahre-Abend am 29. März 2019 und dem 70er-Jahre-Rückblick am 27. September wird es am 21. Februar 2020 einen weiteren historischen Abend geben, der dann die 1980er Jahre in den Blick nimmt. Den 170. Geburtstag des CVJM Oberbarmen wird die gesamte Vereinsfamilie am 31. Oktober feiern.

Gemeinsames Essen im Anschluss an die Geschichtsstunde

Ehemalige und aktive Vereinsmitglieder lernten sich kennen